Vorstellung: Ferdinand Bardamu

Guten Tag, ich nenne mich Ferdinand Bardamu und die moderne Welt macht mir Angst.

Scheiterte der Überwachungswahn der DDR noch an unzulänglicher Technik ist dank moderne Datenbanken und Rechnernetzwerke die Durchleuchtung meines Lebenswandels nur noch eine Frage der verfügbaren Informationen. Lagerhallen voller Aktenschränke passen auf eine einzige Festplatte und sind binnen kurzer Zeit einmal um den Globus geschafft. Diese Schränke bzw. Platten zu füllen, ist dank unserer zunehmend stärkeren social-media-Nutzung, ebenfalls kein Problem mehr – stellen wir diese Informationen nicht ein, machen es eben unsere Freunde für uns – oder unser Mobilfunkprovider, der unsere ungefähren Positionsdaten ermittelt und speichert. Es gibt keine digitale Kommunikation, die keine Spuren hinterlässt.

Ich schreibe unter Pseudonym, weil ich meine persönlichen Gedanken zwar mitteilen, aber nicht von Datenaasfressern wie Yasni unter ein aus Xing oder Facebook entliehenes Foto von mir versammelt wissen will. Ich schreibe unter Pseudonym, weil sich die Schönheit des Internets auch aus seiner Anonymität ergibt – die es dem nicht etablierten Unbekannten ermöglicht wahrgenommen zu werden. Ich schreibe unter Pseudonym, weil es niemanden einen feuchten Schmutz angeht, wer ich bin: Wenn ich nichts zu befürchten habe, muss auch niemand meinen Namen kennen.

Eine Rezension des Freitag von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ unterstellt dem Erzähler Ferdinand Bardamu Verfolgungswahn und die Angst vor einem Verlust der Identität. Dies trifft es ganz gut, auch wenn es aus dem Kontext herausgerissen ist – für unsere Zwecke hier, soll der Name zunächst ausreichen. Zuviel Bedeutung sollte der Leser der Pseudonymwahl ohnehin nicht zumessen, es ist ja doch nur ein Platzhalter.

Die Wikipedia definiert Privatsphäre als „den nicht-öffentlichen Bereich, in dem ein Mensch unbehelligt von äußeren Einflüssen sein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit wahrnimmt„. Sinnieren Sie bitte bis zu unserem nächsten Treffen über diesen Satz und fragen Sie sich, a) wie wichtig Ihnen Privatsphäre nach dieser Definition ist und b) wieviel Privatsphäre Sie in den letzten Jahren bereits an das Internet verloren haben.

Machen wir uns auf ans Ende der Nacht – bleiben Sie mir wohlgesonnen.

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